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Management

Wunsch nach Flexibilität

Arbeitergeber wünschen sie und auch Arbeitnehmer: Flexibilität. Kann ein Arbeitszeitgesetz beide Wünsche miteinander verbinden?

Bild oben: Ab zwei Überstunden pro Woche steigen auch die gesundheitlichen Beschwerden (Foto: © shock – stock.adobe.com)
Geschäfts­führ­er und Vorstände haben im­mer nur ihre Geschäfte im Kopf. Post- und Paket­zusteller machen kaum Über­s­tun­den. Was sich wie alte Vorurteile an­hört, stimmt – zu­min­d­est wenn man die Durch­sch­nittsw­erte an­schaut. Das Deutsche In­sti­tut für Wirtschafts­forschung hat in ein­er Studie un­ter­sucht, wie viel Ar­beit­szeit mit dem Ar­beit­ge­ber vere­in­bart wurde und wie lange der Ar­beit­neh­mer tat­säch­lich ar­beit­et, auch Selb­st­ständige wur­den nach ihr­er tat­säch­lichen Ar­beit­szeit be­fragt. Zunächst: Weit mehr als die Hälfte der Deutschen macht Über­s­tun­den, im Durch­sch­nitt drei Stun­den pro Woche. Allerd­ings wird die Mehrar­beit nur teil­weise durch Freizeit oder Loh­naus­gleich aus­geglichen. Laut Statis­tischem Bun­de­samt ist jed­er zeh­nte Mi­tar­beit­er mit sein­er Ar­beit­szeit un­zufrie­den.
Der Ar­beit­szeitre­port Deutsch­land 2016 der Bun­de­san­s­talt für Ar­beitsschutz und Ar­beitsmedizin, baua, ver­gleicht nicht nur die ver­tragliche und die tat­säch­liche Ar­beit­szeit der Ar­beit­neh­mer, es ge­ht hi­er auch um die Zufrie­den­heit und die Work-Life-Bal­ance der Beschäftigten. Die läng­sten Ar­beit­szeit­en bi­eten In­dus­trie und Hand­w­erk – was un­ter an­derem da­rauf zurück­zuführen ist, dass hi­er nur sel­ten Teilzei­tar­beit möglich ist. Den Mam­mu­tan­teil der Teilzeitbeschäftigten stem­men Frauen: 85 Prozent von ih­nen sind wei­blich. Ins­ge­samt ar­beit­en 42 Prozent der Frauen und sieben Prozent der Män­n­er in Teilzeit.

Bal­ance hal­ten

Ab zwei Überstunden pro Woche steigen auch die gesundheitlichen Beschwerden 
(Foto: © shock – stock.adobe.com)
Ab zwei Über­s­tun­den pro Woche stei­gen auch die ge­sund­heitlichen Besch­w­er­den (Fo­to: © shock – stock.adobe.com)

Pauschal: Je länger die Ar­beit­szeit, um­so un­zufrie­den­er sind Ar­beit­neh­mer mit ihr­er Work-Life-Bal­ance. Auch steigt der An­teil der­er, die über ge­sund­heitliche Besch­w­er­den kla­gen. Woch­e­nen­dar­beit und Wech­selschicht sch­la­gen sich eben­falls neg­a­tiv auf die Ge­sund­heit und Zufrie­den­heit der Beschäftigten nied­er – dies gilt vor allem für Frauen. Wer hinge­gen selbst Ein­fluss da­rauf neh­men kann, wann er mit der Ar­beit be­gin­nt bzw. aufhört oder ein paar Stun­den frein­immt, ist in der Regel zufrie­den­er. Im Grad der Flex­i­bil­ität machen sich allerd­ings Branche­nun­ter­schiede be­merk­bar: Die In­dus­trie und große Un­terneh­men bi­eten ihren Mi­tar­beit­er die höch­ste Mit­ges­tal­tung der Ar­beit­szeit, das Hand­w­erk und kleine Be­triebe zei­gen sich hi­er wenig flex­i­bel. Ar­beit­en auf Abruf oder verän­derte Ar­beit­szeit­en auf­grund von be­trie­blichen Er­forder­nis­sen sch­lägt auf den Ge­sund­heit­szu­s­tand der Ar­beit­neh­mer. Darüber hi­naus er­fahren viele Ar­beit­neh­mer erst am Vor­tag (23 Prozent) oder gar am gleichen Tag (26 Prozent), dass sich ihre Ar­beit­szeit geän­dert hat. In der Diskus­sion um die ständige Er­reich­barkeit von Mi­tar­beit­ern stellt die Studie Fol­gen­des fest: Vor allem Führungskräfte und auch Beschäftigte in ein­fachen Tätigkeit­en – beispiel­sweise im Di­en­stleis­tungs­bereich – wer­den in ihr­er Freizeit häu­fig von ihrem Ar­beit­ge­ber kon­tak­tiert. Ob es um die er­wartete Er­reich­barkeit ge­ht oder um die tat­säch­liche: In bei­den Fällen spielen ge­sund­heitliche Besch­w­er­den und eine höhere Ar­beit­sun­zufrie­den­heit eine Rolle. Das Ar­beit­szeit­ge­setz bes­timmt, wie viele Stun­den in Deutsch­land Beschäftigte max­i­mal ar­beit­en dür­fen. Dabei will das Ge­setz bei­den Ver­trags­part­n­ern ent­ge­genkom­men: den Un­terneh­men Flex­i­bil­ität gewähr­leis­ten und die Ar­beit­neh­mer ge­sund­heitlich schützen. So teilt das Bun­des­min­is­teri­um für Ar­beit und Soziales mit: „Grund­sät­zlich haben Ar­beit­neh­mer ihren be­währten Acht-­S­tun­den­-Tag. Nach Feier­abend beste­ht An­spruch auf eine un­un­ter­broch­ene Ruhezeit von elf Stun­den. Und: Nie­mand darf länger als sechs Stun­den ohne Ruhe­p­ause ar­beit­en.“ Diese Ar­beit­szeit von 40 Stun­den pro Woche kann flex­i­bel ges­tal­tet wer­den. Zehn Stun­den an sechs Ta­gen? – Kein Problem. Je­doch: Jede Mehrar­beit muss in­n­er­halb von sechs Mo­nat­en aus­geglichen wer­den, um wied­er auf den Acht-Stun­den-Tag zu kom­men. Be­son­ders geschützt sind seit­ens des Ge­set­zge­bers Nach­tar­beit­er, die Ar­beit an Sonn- und Feier­ta­gen ist – mit Aus­nah­men – nicht vorge­se­hen, son­dern di­ent der Er­hol­ung der Ar­beit­neh­mer.

Ar­beitswirk­lichkeit


Doch ist die­s­es Ar­beit­szeit­ge­setz in unser­er heuti­gen Ar­beitswelt über­haupt noch sin­n­voll? Der Wun­sch nach flex­i­blen Ar­beit­szeit­en seit­ens der Ar­beit­neh­mer wächst. Die Kom­mu­nika­tion­stech­nolo­gien machen es möglich, dass Mi­tar­beit­er auch von zu Hause oder un­ter­wegs ihr Ar­beit­spen­sum erledi­gen. Die Bun­desvereini­gung der Deutschen Ar­beit­ge­berver­bände teilt mit: „Die Spiel­räume, die die Richtlinie bi­etet, wur­den bei der Um­set­zung in das deutsche Ar­beit­szeit­ge­setz allerd­ings nicht voll aus­geschöpft. Das Ar­beit­szeit­ge­setz sollte die Höch­s­tar­beit­szeit be­zo­gen auf die Ar­beits­woche und nicht den Ar­beit­s­tag regeln. Daneben sollte es möglich sein, durch Öff­nungsk­lauseln für kollek­tive Regelun­gen Ab­weichun­gen von der ge­set­zlichen Min­de­struhezeit von elf Stun­den für die Fälle zu ges­tat­ten, in de­nen die Lage der Ar­beit­szeit durch die Beschäftigten bes­timmt wird.“ Auch die Ar­beit­neh­mer wün­schen sich Verän­derung – wenn auch auf ein­er an­deren Ebene: Fast die Hälfte der Be­fragten möchte die Ar­beit­szeit re­duzieren. Vor allem Vol­lzeitbeschäftigte wün­schen sich rund zehn Stun­den weniger. Im Ge­gen­zug dazu möcht­en ein Drit­tel der Teilzeitbeschäftigten gerne länger ar­beit­en. Ein Vorsch­lag seit­ens der Frak­tion Bünd­nis 90/Die Grü­nen lautet: ein Vol­lzeitko­r­ri­dor mit Wah­lar­beit­szeit­en für die Beschäftigten. Dies­er Vorsch­lag scheit­erte bere­its im Bun­des­rat, auch die Bun­desvereini­gung der Ar­beit­ge­berver­bände kri­tisiert die­sen Vorsch­lag. In An­be­tracht des Fachkräfte­man­gels sei eine wöchentliche Ar­beit­szeit von nur 30 Stun­den, die dauer­haft und ohne mit ein­er be­son­deren famil­iären Verpflich­tung verknüpft ist, nicht vertret­bar. Auch die Linke spricht sich für eine Woche­nar­beit­szeit von 30 bis 35, max­i­mal 40 Stun­den aus sowie für das Recht auf Nichter­reich­barkeit außer­halb der Ar­beit­szeit. Im Wahl­pro­gramm der CDU ist zwar fest­ge­hal­ten, flex­i­blere Ar­beit­szeit anzus­treben, ohne je­doch eine klare Strate­gie zu for­mulieren. Die FDP hinge­gen ist konkret: Die Höch­s­tar­beitzeit soll pro Woche bei 48 Stun­den lie­gen, die Höch­st­grenze pro Tag soll eben­so wie die Ruhezeit aufge­hoben wer­den.

Karin Bün­nagel | re­dak­tion@rhein-wup­per-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2017