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Business

Auf dem grünen Zweig

Mit rund 32 Milliarden Euro Umsatz ist die Verpackungsindustrie nicht nur eine der größten Industrien Deutschlands, sie ist auch besonders innovativ und umweltbewusst.

Bild oben: (Foto: ©airborne77_stock.adobe.com)
Die Ver­pack­ungsin­dus­trie hat ei­nen sch­w­eren Stand, denn oft wird sie nicht aus­reichend wert­geschätzt. „Wir wer­den im­mer von der Müll­tonne aus be­trachtet“, sagt Tho­mas Rein­er, Vor­s­tandsvor­sitzen­der des Deutschen Ver­pack­ungsin­sti­tuts (DVI). Dabei muss sich die Branche nicht ver­steck­en: Der Ge­mein­schaft­sausschuss Deutsch­er Ver­pack­ung­sh­er­steller (GADV) verzeich­nete für das Jahr 2016 bei den Un­terneh­men ei­nen Um­satz von rund 32 Mil­liar­den Eu­ro (2,1 Prozent mehr als im Vor­jahr). Die Pro­duk­tions­menge stieg um drei Prozent auf 19 Mil­lio­nen Ton­nen. Wie in den Jahren zu­vor generi­erten die Kun­st­stof­fver­pack­un­gen mit einem An­teil von rund 44 Prozent den größten An­teil am Um­satz, quan­ti­ta­tiv waren die Ver­pack­un­gen aus Pa­pi­er, Kar­ton und Pappe mit rund 46 Prozent im Jahr 2016 wied­er die größte Pack­mit­tel­frak­tion. In Deutsch­land ex­istieren rund 5.000 weit­ge­hend mit­tel­ständische Ver­pack­ung­sun­terneh­men mit ins­ge­samt et­wa 450.000 Beschäftigten. Nicht zu vergessen ist neben der Ma­te­rial­welt der Maschi­nen­bau. Bei der Ver­pack­ung­stech­nolo­gie ist Deutsch­land Welt­markt­führ­er.

Dy­namik ist entschei­dend

(Foto: ©airborne77_stock.adobe.com)
(Fo­to: ©air­borne77_stock.adobe.com)

Was nach Rein­er die Branche auszeich­net, ist eine ho­he Dy­namik. Denn mit Verän­derun­gen im Kon­sum än­dert sich auch stetig der Be­darf an Ver­pack­un­gen. Stich­wort Dig­i­tal­isierung: Mit stei­gen­dem On­line-Ver­sand müssen Ver­pack­un­gen ro­buster wer­den. Soll­ten Waren eines Tages tat­säch­lich mit Droh­nen tran­s­portiert wer­den, muss auch der Schutzkar­ton ganz an­ders funk­tionieren. Eben­so ste­ht es mit Verän­derun­gen in der Ge­sellschaft: „Wir es­sen un­ter­wegs, die Fam­i­lien wer­den klein­er“, so der Vor­s­tandsvor­sitzende. Eine 100-Gramm-Wurst­pack­ung sei damit nicht mehr zeit­gemäß, dafür sei der Haushalt nicht groß genug. Das heißt, es bräuchte ei­gentlich kleinere Por­tio­nen. Die Ver­pack­un­gen sind al­so einem ständi­gen Wan­del un­ter­zo­gen.
Ger­ade ge­ht der Trend beispiel­sweise zu Hüllen mit or­ganischem An­k­lang, die ge­sund und nach­haltig wirken. Grüne und erdige Töne herrschen vor, statt Hochglanz wirken matte Flächen, es wer­den Na­tur­ma­te­rialien ver­wen­det. Zu­gleich haben Be­häl­ter ei­nen per­sön­lichen Touch. „A name and a face“, nen­nt Rein­er die­sen Trend. „Die Ver­pack­un­gen ver­mit­teln das Ge­fühl: ‚Das hat der Ul­li für mich ge­macht.‘“ Gewün­scht sind Ver­pack­un­gen, die nicht zu per­fekt ausse­hen, die ei­nen hand­w­erk­lichen Look haben, al­so per­fekt in ihr­er Un­vol­lkom­men­heit sind. Klas­sisch einge­set­zt wer­den solche per­fekt-im­per­fek­ten Be­häl­ter et­wa im Bereich Craft­beer. Die gegebe­nen Beispiele zei­gen es an: Ver­pack­un­gen sind mittler­weile mehr als nur ein ein­fach­er Schutz, sie sind Kom­mu­nika­tionsmedi­um. Das The­ma Ver­pack­un­gen wan­dere im­mer öfter in die Mar­ketin­gabteilung, erzählt Tho­mas Rein­er. Denn klas­sische Wer­bekanäle wer­den im­mer in­ef­fizien­ter, die Umhül­lung der Ware ist der neue Hoff­nungsträger. Sie lässt sich an­fassen und ver­mit­telt so ganz di­rekt ein Ge­fühl, sie wird zum „mul­ti­sen­sorischen Er­leb­nis­the­ma“. Ob eine Co­la-Flasche aus Glas oder Plas­tik ist, macht eben ei­nen Un­ter­schied. Und wie geschickt das für Mar­ket­ingzwecke genutzt wer­den kann, wird am Beispiel der Flasche „Ig­nite“ von Heineken deut­lich: Das Glas­ge­fäß blinkt zum Rhyth­mus der Musik und reagiert mit Lichtsig­nalen, wenn seine Be­sitz­er an­s­toßen und trinken.

Branche zeigt sich umwelt­be­wusst

Dr. Carl Dominik Klepper, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Verpackung + Umwelt (AGVU) (Foto: Philipp S. Wehrend)
Dr. Carl Do­minik Klep­per, Geschäfts­führ­er der Ar­beits­ge­mein­schaft Ver­pack­ung + Umwelt (AGVU) (Fo­to: Philipp S. Wehrend)


Ein Problem hat die Ver­pack­ungsin­dus­trie nach wie vor: das der Umwelt­be­las­tung. Nir­gends fällt sie stärk­er auf als beim Blick in den mit Ver­pack­un­gen ge­füll­ten Ab­fall­eimer. Lö­sungsan­sätze gibt es viele; eine Welt ohne Ver­pack­un­gen sei zwar möglich, allerd­ings ein Bruch mit der heuti­gen Ge­sellschaft, meint Tho­mas Rein­er. „Wir kön­nen nicht leben wie heute und gleichzeitig hof­fen, dass wir keine Ver­pack­un­gen brauchen.“ Eine Welt ohne Ver­pack­un­gen sei wie eine ohne Straßen und Au­tos – mach­bar, aber mit dem ge­gen­wärti­gen Leben nicht zu vere­in­baren. Man müsste auf dem Land leben, wied­er selbst an­bauen und für den Win­ter hort­en. Auch Dr. Carl Do­minik Klep­per, Geschäfts­führ­er der Ar­beits­ge­mein­schaft „Ver­pack­ung + Umwelt“ (AGVU), hält ei­nen Trend hin zu einem Waren­han­del ohne Ver­pack­un­gen für un­wahrschein­lich: „Sch­ließlich wer­den die Haushalte im­mer klein­er und neh­men in der An­zahl zu.“
Die Lö­sung liegt nach Mei­n­ung der bei­den Ex­perten vielmehr im Re­cy­cling. Die Fir­ma Frosch set­zt beispiel­sweise auf Ver­pack­un­gen, die zu 100 Prozent aus re­cycel­tem Ma­te­rial beste­hen, und zeigt damit, dass der Wech­sel möglich ist. Teur­er sei der Weg, seine Ver­pack­un­gen aus re­cycel­ten Ma­te­rialien herzustellen, nach Klep­per nicht zwin­gend – nur aufwendi­ger, da die Sekundär­roh­stoffe noch nicht in aus­reichen­den Men­gen ver­füg­bar seien. Auch re­cycel­bare Pro­dukte kön­nen eine Lö­sung sein. Deutsch­land sei dabei auf einem guten Weg, ist sich Dr. Klep­per sich­er: „Bei der Kreis­laufwirtschaft ist Deutsch­land Pi­oni­er.“ Die Kreis­läufe weit­er zu sch­ließen, sei ein guter An­satz. Zum Teil müsse bei dem The­ma je­doch abge­wo­gen wer­den, weiß Rein­er: Derzeit sei eine Folie, die zum Beispiel ei­nen Käse umhüllt, halb so dick wie ein Haar, be­sitze allerd­ings zwölf bis 13 La­gen. Je kom­pl­iziert­er al­so die Folie ist, des­to sch­wieriger ist ihre Wied­er­auf­bere­i­tung. „Wir müssen über­le­gen: Machen wir die Folie vielleicht dop­pelt so dick, geben ihr da­durch aber ein zweites Leben?“, so Rein­er. Auf solche Kon­f­likte müssten Ant­worten ge­fun­den wer­den, doch die Branche sei auf einem guten Weg. Schon heute sei es möglich, trans­par­ente Ver­pack­un­gen aus Müll zu kreieren.
Neues Ver­pack­ungs­ge­setz
Ei­nen Sprung dürfte das The­ma Umwelt mit dem vom Bun­de­sumwelt­min­is­teri­um erar­beit­eten Ver­pack­ungs­ge­setz machen, das nach jahre­lan­gen Au­sei­nan­derset­zun­gen am 12. Mai im Bun­des­rat die let­zte par­la­men­tarische Hürde genom­men hat. Das Ge­setz tritt zum 1. Jan­uar 2019 in Kraft. Mit dem neuen Ge­setz wird die beste­hende Ver­pack­ungsverord­nung weit­er­en­twick­elt. Ziel ist es, das Re­cy­cling, aber auch die Vermei­dung von Ver­pack­ungs­abfällen stärk­er zu fördern. Die von In­dus­trie und Han­del fi­nanzierten dualen Sys­teme müssen zukünftig deut­lich höhere Re­cy­cling-Quoten für die bei ih­nen lizenzierten Ver­pack­un­gen er­reichen. Her­steller sollen An­reize er­hal­ten, bei der Ges­tal­tung von Ver­pack­un­gen das Re­cy­cling zu berück­sichti­gen.
Dr. Klep­pers Rat an Un­terneh­mer: Sich frühzeitig über die neue Ge­set­zge­bung zu in­for­mieren und ent­sprechend vorzu­bereit­en. Sch­ließlich tut sich viel in dem Bereich. Soll eine neue Ver­pack­ung ge­fun­den wer­den, so rät Tho­mas Rein­er dazu, alle Beteiligten an ei­nen Tisch zu brin­gen. Wichtig seien so­wohl Men­schen aus der Lo­gis­tik, der En­twick­lung und Fer­ti­gung wie auch aus Mar­ket­ing und Ver­trieb. „Ver­pack­ung ist im­mer ein Kom­pro­miss.“ Allen vo­ran sollte die Frage ste­hen, was der Kon­su­ment will. Er­fahrungs­gemäß wird die Ver­pack­ung im­mer ei­nen Tick zu spät the­ma­tisiert, im sch­limm­sten Fall ent­ste­ht so ein neues Pro­dukt in al­ter Ver­pack­ung, kommt al­so sprich­wörtlich neuer Wein in alte Sch­läuche. „Über­le­gun­gen zur Ver­pack­ung soll­ten am An­fang, ja vielleicht noch vor dem An­fang ste­hen“, sagt Rein­er. Die Ver­pack­ung sei sch­ließlich die Brücke zwischen dem Kon­su­men­ten und dem Pro­dukt.

Miri­am Leschke | re­dak­tion@rhein-wup­per-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2017



WEITERE INHALTE

Thomas Reiner, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verpackungsinstituts (DVI) (Foto: Andreas Riedel)
Thomas Reiner, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verpackungsinstituts (DVI) (Foto: Andreas Riedel)